Zukunftsprobleme
Die Spurenelemente sind zum normalen Gedeihen von Pflanzen, Tieren und Menschen ebenso lebensnotwendig wie die altbekannten
"Kernnährstoffe" (z. B. Stickstoff, Phosphate, Schwefel u. dgl.). Auch für die Spurenelemente gilt im allgemeinen das
Ertragsgesetz vom Minimum (begründet von Justus von Liebig). Es besagt, daß die Nährstoffe von den Organismen nur soweit
verwendet werden können, als es die Menge derjenigen Stoffe zulässt, die in der geringsten Menge vorhanden sind.
Wir wollen dieses Gesetz an einem Beispiel aus der Industrie veranschaulichen: Eine Autofabrik braucht zur Herstellung
von Autos unter anderem Blech, Schutzscheiben, Reifen, Motorteile, Überzugmaterial aus Kunststoffen, Lacke usw.
Besitzt die Fabrik nun riesige Vorräte an Blech, Schutzscheiben, Motorteilen usw., aber nur 100 Reifen, so kann sie nicht
mehr als 25 Autos herstellen. Der Überfluss an anderen Teilen nützt der Firma gar nichts; denn jedes Auto braucht unbedingt
4 Reifen. Die Autoreifen sind bei diesem Beispiel im Minimum und nach diesem Minimum richtet sich die Gesamtproduktion.
Würde man den "Reifen-Engpass" beseitigen und der Fabrik große Mengen von Reifen zur Verfügung stellen, so könnte die
Autoproduktion bis zum Niveau des nächsthäufigsten Rohmaterials gesteigert werden.
Im biologischen Bereich lässt sich das Minimumgesetz etwa an folgendem Beispiel veranschaulichen: Zur Bildung eines
Weizenkorns ist eine bestimmte Mindestmenge von Wasser, Licht, Wärme, Kohlendioxid, Phosphat, Kalisalz, Stickstoff,
Kalk, Eisen, Magnesium, Schwefel, Mangan, Zink und anderer Wachstumsfaktoren erforderlich. Fehlt einer dieser Wachstumsfaktoren
gänzlich, so kann kein Weizenkorn entstehen. Sind alle Wachstumsfaktoren in unterschiedlichem Ausmaß gegeben, so richtet
sich der Ertrag nach dem im schwächsten Umfang ("Minimum") vorhandenen Wachstumsfaktor (z. B. Phosphat). Wird mit
Phosphat gedüngt, so steigt der Ertrag bis zum Niveau des nächsthäufigen Wachstumsfaktors (z. B. Kalk). Würde man im
vorliegenden Beispiel statt mit Phosphat mit Stickstoff düngen, so wäre - wenigstens theoretisch - keine Ertragssteigerung
zu erwarten. Man kann das Minimum-Gesetz durch ein Faß mit verschieden hohen Dauben veranschaulichen, in dem sich jeweils
der Wasserspiegel (Ertrag) nach der niedrigsten Daube ("im Minimum befindlicher Wachstumsfaktor") richtet.
In der landwirtschaftlichen Praxis gilt das Minimumgesetz freilich nicht so starr und ausnahmslos, wie man nach den obigen
Ausführungen vermuten könnte; denn hier ist kaum jemals ein Wachstumsfaktor gleich Null; auch können sich die Wachstumsfaktoren
bis zu einem gewissen Grad gegenseitig vertreten, und viele Pflanzen passen sich an Unvollkommenheiten der Umwelt an.
Trotz dieser Einschränkungen können wir durch die Vorstellung beunruhigt werden, daß die Lebensmöglichkeit künftiger
Generationen nicht nur von den altbekannten Kernnährstoffen (Stickstoff, Kali, Phosphat), sondern auch von den so
belanglos erscheinenden Spurenelementen, wie z. B. Bor, Kupfer, Molybdän, Zink usw. zu den seltenen Elementen der
Erdkruste gehören und nur in wenigen Lagerstätten angereichert sind, erhält das Problem der künftigen Versorgung
mit Spurenelementen einen durchaus ernsten Charakter. Die z. Z. abbauwürdigen Lager von Kupfer- und Zinkerzen dürfen
nach dem Urteil der Fachleute schon in 20 bis 30 Jahren erschöpft sein. Die größeren Molybdänlager kann man an den
Fingern einer Hand abzählen. Das bedeutendste Molybdänvorkommen (Climax-Grube in Colorado) wird zwar auf etwa 85 Millionen
t Erz geschätzt; dieses enthält aber nur 0,85% Molybdänglanz. Von dem seltenen Metall Kobalt haben die Militärfachleute
für den Bau von Kobaltbomben, Düsenfleugzeugen, Raketen, ferngelenkten Geschossen usw. einen Bedarf angemeldet, der die
heute bekannten Kobaltvorräte der Erdrinde bereits übertrifft.
Vom Spurenelement Bor, dessen Anteil an der 16 km dicken obersten Erdkruste auf nur 1/1000 000
geschätzt wird, gibt es nur wenige größere Vorkommnisse, und diese gehen bei einem intensiveren Abbau rasch zur Neige.
Die größten Mengen von Spurenelementen finden sich nicht in den wenigen, allgemein bekannten Lagerstätten, sondern sie
sind in sehr geringen Konzentrationen in den ungeheuren Gesteinmassen verzettelt, deren oberste Anteile zu Böden verwittern.
Jahr für Jahr werden riesige Mengen von Spurenelementen durch Verwitterung des Gesteinuntergrundes frei und für die
Nutzpflanzen verfügbar, aber noch größere Mengen werden durch das Regenwasser ins Meer hinausgespült oder vom Menschen
verzettelt, zerstreut und unverwendbar gemacht. Gerade in den intensiv bebauten Landwirtschaftsgebieten ist der
Ackerboden einen erheblichen Teil des Jahres der auswaschenden Tätigkeit des Wassers und der abtragenden Tätigkeit
des Windes schutzlos preisgegeben (Bodenerosion). Wenn man die Böden zur Erzielung der notwendigen Rekordernten mit
Zusätzen aus den abbauwürdigen, der Erschöpfung entgegenstehenden Lagerstätten "aufpulvert", kann dies nur eine begrenzte
Zeit gut gehen - nämlich nur solange, bis die Lagerstätten erschöpft sind.
Natürlich wird der erfindungsreiche Menschengeist auch aus dieser Klemme einen Ausweg suchen. Daß er auf den naheliegenden
Gedanken kommt, die Bevölkerungsanzahl der begrenzten Produktivität der landwirtschaftlichen Bodenfläche anzupassen,
ist nach den bisherigen Erfahrungen nicht zu erhoffen. Laienhafte Gemüter mögen vielleicht annehmen, man könne künftig
die nötigen Spurenelemente künstlich durch Elementumwandlung herstellen. Dieser Ausweg kommt leider nicht in Betracht,
da die so erzeugten Elemente viel zu teuer, viel zu selten und obendrein infolge ihrer Radioaktivität für alle Lebewesen
mehr oder weniger giftig wären. Sodann könnte man erwägen, die Urgesteine, die ja alle spurenelementhaltig sind, zu
zermahlen und als Düngemittel zu benutzen. Bis jetzt hat man mit solchen "Steinmehldüngungen" keine guten Erfahrungen
gemacht; die Konzentration der Nährelemente ist hier zu gering, die Verwitterungs des Steinmehls schreitet zu langsam
voran und der Energieaufwand für die Vermahlung ist viel zu hoch.
Viele deutsche Böden enthalten Kupfer- und Manganvorräte, die dem jährlichen Entzug auf über 1000 Jahre hinaus decken könnten.
Doch sind die Spurenelemente infolge Bindung an Humus-Substanzen, starker Bodenalkalität u. dgl. nur in wesentlich
geringerem Ausmaß nutzbar. Hier wird man künftig durch geeignete Humusführung, Vermeidung von Überkalkung, zweckmäßige
Bewässerungsmaßnahmen u. dgl. Vorteile erzielen. Durch erhöhte Anwendung von Stallmist (200 dz enthalten durchschnittlich
ca. 75 g Bor, 950 g Mangan und 91 g Kupfer), Jauche (200 hl enthalten ca. 86 g Bor, 16 g Mangan, 5 g Kupfer), Müll,
Kompost Asche usw. lassen sich wenigsten die Sickerverluste ausgleichen. Durch gewöhnliche Ortho-Phosphate werden
verschiedene Spurenelemente in unlösliche, unverwertbare Niederschläge verwandelt. Dieser nachteilige Prozess unterbleibt,
wenn man die Ortho-Phosphate durch Poly-Phosphate ersetzt. Durch Bespritzen der Blätter mit geeigneten Lösungen kann
man die nachteilige Spurenelementfestlegung durch die Böden umgehen.
Ein weiterer Ausweg aus der kommenden Spurenelementkrise ist vielleicht im biochemischen Bereich gegeben. Im Lauf von
unzähligen Jahrmillionen haben sich die Lebewesen nicht nur in körperlicher Hinsicht von einfachen zu komplizierten
Formen entwickelt, sondern sie haben auch in ihrem Chemismus eine Unzahl von Wandlungen, Spezialisationen und Anpassungen
erlebt. Dafür einige Beispiele: Es gibt Käfer und Schmetterlinge, die sich heute nur noch von Angehörigen einer Pflanzenart
ernähren; ihre Vorfahren waren bedeutend weniger wählerisch. Man hat in wenigen Jahren Schimmelpilze gezüchtet, die
über 1000mal soviel Penicillin enthalten wie die vom Penicillin-Entdecker Fleming anfangs untersuchten Formen. Bekannt
ist auch, daß sich in verhältnismäßig kurzer Zeit krankheitserregende Bakterienstämme gebildet haben, die gegen
Penicillin, Streptomycin, Isonikotinsäurehydrazit, Sulfonamide usw. widerstandsfähig geworden sind. Ja, man konnte sogar
vom Kleinpilz Neurospora einzelne Stämme züchten, die Sulfonamide (Bakteriengifte) zum normalen Leben benötigen, und
für die der normale Gegenspieler der Sulfonamide (p-Aminobenzoesäure, ein Bakterienwuchsstoff) als Gift wirkt. Es gibt
Meningokokken (Bakterien, Erreger der Genickstarre), die sich soweit an das Bakteriengift Streptomycin angepasst haben,
daß sie es zum Leben unbedingt brauchen.
Das berühmte Insektenbekämpfungsmittel DDT wurde um 1939 in der Praxis eingeführt; aber schon 1947 beobachtete man in
Amerika und Schweden Stämme der Stubenfliege, welche die 1000fache tödliche Dosis (1 y DDT) überlebten; diese
Fliegen haben in ihrem Körper ein Ferment entwickelt, das aus DDT ein H- und ein Cl-Atom abspaltet, wobei eine unschädliche
Verbindung entsteht. Auch beim Menschen sind eigenartige "Sonderanpassungen" möglich, so wurde z. B. der französische
Chemiker Chevreul (1786 - 1889) 103 Jahre alt, obwohl er auf Milch und Gemüse konsequent verzichtete und somit -
nach den Lehren der heutigen Vitaminforschung - eigentlich eines frühen Todes hätte sterben müssen.
Diese beliebig herausgegriffenen Beispiel zeigen, daß die Organismen vielfach zu erstaunlich schnellen und weitgehenden
chemischen Anpassungen befähigt sind. Vielleicht kann man in Zukunft von den Kulturpflanzen und Haustieren einzelne
Rassen mit besonders geringem Spurenelementbedarf züchten. Der Kupfergehalt von 55 untersuchten Rindslebern schwankte
z. B. zwischen 5 und 194 mg je kg Trockengewicht. Wenn man die Rasse mit dem niedrigsten Kupfergehalt zur Weiterzucht
verwenden würde, ließe sich die künftige Verknappung beim Spurenelement Kupfer wohl etwas mildern. Beim Hafer gibt es
verschiedene Rassen mit vererblichen Unterschieden beim Spurenelementbedarf; man wird also künftig vorwiegend Rasssen
mit geringen Spurenelementansprüchen anbauen. Schon 1924 veröffentlichte Boresch einen Bericht, demzufolge die Chlorose
("Bleichsucht", Blattgrünmangel) bei der Spaltalge Phormidium nicht nur durch Eisensulfat, sondern auch durch Chrom-
bzw. Mangansulfat geheilt werden könne. Auch sind die metallischen Aktivatoren verschiedener Fermente bis zu einem gewissen
Grad gegeneinander austauschbar. Vielleicht gelingt es in Zukunft, Pflanzenrassen zu züchten, die mit den verbreiteteren
Spurenelementen auskommen.
Allgemein
- Was sind Spurenelemente?
- Praktische Bedeutung der Spurenelemente
- Forschungsmethoden
- Widersprüche und Fehlerquellen
- Verbreitung der Spurenelemente
- Die Wirkungsweise der Spurenelemente
- Die Versorgung mit Spurenelementen
- Zukunftsprobleme
Spurenelemente in Pflanzen
Spurenelemente in Tieren und Menschen